Take yourself on dates

Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal bewusst erlebt, dass der 11.11. als „Singles‘ Day“ begangen wird. Also als Tag der Alleinstehenden. Ich kannte diese Einrichtung nicht und halte sie natürlich für bescheuert. Ein Katholik braucht schon deshalb keine weltlichen „Fest“tage, weil er nach seinem eigenen Kalender ohnehin fast jeden Tag feiern kann, wenn er will. Abgesehen davon fragt man sich, was da gefeiert werden soll. Vom Singles‘ Day erfahren habe ich nämlich praktisch nur durch Werbemails, die mich dazu aufforderten, etwas zu kaufen, wegen dieses ominösen Tages natürlich rabattiert, was aber auch nichts bringt, wenn man das Angepriesene eigentlich gar nicht braucht: Schuhe (okay, man braucht immer Schuhe…), Kosmetik, Elektronik, ein Onlineshop führte eine Verlosung für ein Dessous-Set durch usw. Damit ist der äußerliche Gehalt des Singles‘ Day bereits umfänglich beschrieben: Es handelt sich um einen Anlass, um Menschen zum Konsum anzuregen. Dass das im November geschieht, wo mittlerweile bereits der „Black Friday“ inkulturiert ist, und kurz vor dem Weihnachtsgeschäft, ist einigermaßen sinnlos. Außerdem bewegen sich die Rabatte mit „11 Euro“ oder „11%“ nicht in einem Rahmen, der in mir einen Kaufrausch auslöst. Aber womöglich habe ich – Gott bewahre – schwäbische Vorfahren?

Allerdings hat das Ganze auch noch eine tiefere Dimension, und die ist doch einigermaßen interessant: Der 11.11. ist der Martinstag. Ausgerechnet also an dem Tag, an dem es ums Teilen geht, werden wir von der Konsumgesellschaft dazu aufgefordert, uns vor allem um uns selbst zu kümmern. Interessant.

Gerade war ich zudem in der Schweiz, wo eine künstlerische Werbekampagne läuft, die als „Lösung“ für das Pandemie-induzierte Problem der Einsamkeit durch social distancing allen Ernstes verkündet: „Take yourself on dates“. Dieser Slogan hängt in vielen Schaufenstern. Er haut in dieselbe Kerbe: Sei selbst-zufrieden, du brauchst niemanden, du kannst sogar mit dir selbst ein Date haben, wozu der Driss mit einem Gegenüber, total unnötig.

Meiner Ansicht nach handelt es sich hier um einen grandiosen Selbstbetrug. Es ist klar, dass in der Generation insbesondere der urbanen Menschen zwischen Zwanzig und Vierzig die wenigsten eine lebenslange Beziehung führen werden (oder zu führen im Stande sind), und die meisten sind allein und einsam. Das geht, solange man Graphikdesigner ist, in einer hippen Altbauwohnung lebt, überdimensionierte weiße Turnschuhe, immer einen coffee-to-go mit Sojamilch im Bambusbecher und nur Künstler als Freunde hat. Aber die wenigsten werden so ein Leben durchziehen können, bis sie 70 oder 80 sind. Irgendwann kommt man die Treppen zur Altbauwohnung nicht mehr allein hoch, braucht orthopädische Schuhe, kann sich den Coffee-to-go nicht mehr leisten und die meisten „Freunde“ sind auch irgendwann weg, spätestens, wenn man wirkliche Probleme hat und nicht mehr cool ist.

Da die Einsicht schmerzen muss, dass der Lebensentwurf, den man sich selbst eingebrockt hat, recht trostlos ist, macht man „das Beste“ draus, und das Beste, was dieser Generation dazu einfällt ist nicht, sich zu ändern, sondern aus dem Lifestyle ein Credo zu machen, in dem es vorrangig um einen selbst geht. In fortgeschrittenem Stadium nennt man das „Selbstliebe“ – was, bitte nicht verwechseln, nur entfernt angelehnt ist an die Selbstfürsorge und Selbstliebe im christlichen Sinne, die tatsächlich wirklich wichtig ist und leider auch tatsächlich unter vielen Menschen zu wenig kultiviert. Allerdings sind die Menschen, die unter mangelnder Selbstliebe leiden, im Normalfall nicht die Hipster-Yuppie-Wohlstandsnörgler, die „Selbstliebe“ für sich entdeckt haben. Dieses Phänomen tritt auch hinzu zu weiteren Gegebenheiten, die derzeit unsere Gesellschaft prägen: Z.B. ist in diesen urbanen Kreisen auch Esoterik chic, sowie eine pseudo-asiatische Spiritualität, die locker eine Art Karma-Gedanken verfolgt. Demgemäß ist jeder von uns selbst dafür verantwortlich, was ihm passiert. Es reicht also nicht, sich bloß mit sich selbst zu beschäftigen, man macht daraus auch moralisch-religiös eine Pflicht, indem man behauptet, ausschließlich die eigenen Gedanken und die eigene Lebenshaltung würden bestimmen, wie es einem ergeht. Positive Gedanken = schönes Leben, negative Gedanken = schlechtes Leben. Zum Glück müssen sich Vertreter solcher Ideen nie fragen, ob sie das auch einem jemenitischen Kind oder einer jesidischen Frau ins Gesicht sagen würden.

Als Dritter im Bunde des ultimativen Rezepts zum unglücklich werden gesellt sich der Relativismus hinzu, der das Schicksal jedes Einzelnen als Insel besiegelt: Da nur noch die jeweils eigene Erfahrungswelt Referenzpunkt ist, gibt es keine echte Gemeinschaft, keine echte Kommunikation. Es gibt zwar unter den Woken und Achtsamen den Ausdruck „I hear you“, was bedeuten soll, dass man die Erfahrung des Anderen ernst nimmt, interessanterweise kennt das Englische aber die Unterscheidung des akustischen „Hörens“, also des Wahrnehmens von Lauten, und des verstehenden, bzw. nachvollziehenden Hörens, oder Zuhörens: To hear vs. to listen. Selbst ein Kernsatz der Achtsamkeit, „Ich höre dich“, entpuppt sich also als leere Worthülse, da schon sprachlich bloß „Ich höre, dass du etwas sagst“, gemeint ist, nicht „Ich bemühe mich, zu verstehen, was du sagst.“ Auch hier bleibt Zentrum der Hörende selbst. Wir haben es also mit einer gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, die die Fähigkeit, sich auf andere einzulassen, nicht nur verkümmern lässt, sondern aktiv zerstört: Sich abhängig machen, sich auf andere verlassen, anderen vertrauen, anzuerkennen und anzunehmen, dass man auf andere angewiesen ist, ja, gar von der menschlichen Natur her auf andere ausgerichtet ist, all das wird denunziert als Freiheitsberaubung.

Übrigens trifft diese Lebenseinstellung Frauen besonders hart, weil Frauen einerseits von ihrer biologischen Anlage her noch einmal intensiver auf ein Gegenüber hin ausgerichtet sind – sie sind schließlich sogar dazu in der Lage, ein anderes Menschenwesen in sich zu tragen, sein Überleben zu sichern und sich ganz diesem Menschen zu widmen; andererseits wird gerade der Frau vermittelt, sie müsse sich von überkommenen Strukturen, die sie angeblich benachteiligen, weil sie ihre Selbstständigkeit und Selbstgenügsamkeit einschränken, befreien. (Ich will übrigens an dieser Stelle gar nicht leugnen, dass einige der gesellschaftlichen Strukturen ungerecht sind, vor allem, indem sie die Frau reduzieren und/oder ihr nicht gerecht werden. Man sollte dennoch nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, gewisse Gegebenheiten sind eben nicht zuerst sozial, sondern zuerst natürlich bedingt, und werden dann vom Menschen in mehr oder weniger gelungene Strukturen gegossen.)

Meine Befürchtung ist, dass diese Blase ganz fürchterlich zerplatzen wird, wenn die Generation, die jetzt kraftstrotzend so lebt, an ihre biologischen Grenzen kommen wird: Wer wird sich im Alter kümmern, wenn die ganzen Alleinstehenden eben nicht mehr allein stehen können? Ich denke ehrlich gesagt nicht, dass die, die jetzt die Illusion eines autonomen Lebens aufbauen, überhaupt vorhaben, das Alter, das sich gemäß ihres Lebensstils anbahnt, anzunehmen. Sie denken jetzt einfach nicht darüber nach, stellen aber bereits die Weichen für niedrigschwellige Sterbehilfe.

Und was machen wir Christen, was macht die Kirche, um sich vorzubereiten auf diese Generation von psychischen Insulanern? Ich habe das Gefühl, die Kirche ist mal wieder dabei, ein Neonzeichen der Zeit zu ignorieren. Wie oft höre ich in der Kirche Fürbitten für Einsame, die den Eindruck erwecken, von denen sei gerade ganz sicher keiner hier, das sind ja die da draußen – wobei die Gemeinden zugleich nicht den Eindruck erwecken, besonders aktiv oder effektiv auf Fremde zuzugehen. Und wie selten sehe ich Angebote, die einen Menschen ohne Gemeinschaft dazu anregen würden, diese in der Kirche zu suchen? Kirche vor Ort scheint sich vorrangig als Ort für Gruppen zu sehen: An erster Stelle für Familien, an zweiter Stellen für Gruppen, die interessenorientiert entstehen, also Messdiener, Senioren etc. Sie tut aber zugleich kaum etwas dafür, dass stabile Familien entstehen (da müsste man ja mit Jugendlichen über Sex reden, und das im Sinne des Katechismus, uäh wie peinlich), noch sucht sie aktiv danach, Menschen in ihre Gruppierungen einzubinden. Eine wirkliche Lösung für dieses Problem kann ich auch nicht anbieten, ich beobachte es nur mit wachsender Sorge.

Jedenfalls sollten wir Tendenzen wie dem Singles‘ Day oder dem „Sich selbst daten“ auf keinen Fall nachgeben. Wir können ja klein anfangen. Mal jemanden an Weihnachten oder Ostern (oder auch sonst) einladen, von dem man weiß, dass er keine Familie hat. Oder am 11.11. mal jemanden anrufen, von dem man weiß, dass er allein ist.